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Einleitung

Viele Chemieunternehmen haben Klimaziele formuliert – doch im Alltag stellen sich oft dieselben Fragen:
Wo genau entstehen unsere Emissionen? Welche Maßnahmen bringen wirklich Wirkung? Und wie verbinden wir Energieeffizienz mit wirtschaftlicher Performance?

Der Einstieg beginnt fast immer bei Scope-1- und Scope-2-Emissionen – also dort, wo Unternehmen die größte Kontrolle haben.

Scope 1 und Scope 2 kurz erklärt

Das Greenhouse Gas Protocol unterscheidet drei Emissionsbereiche („Scopes“). GHG Protocol+2GHG Protocol+2

  • Scope 1:
    Direkte Emissionen aus eigenen oder kontrollierten Quellen – etwa Verbrennung von Gas in Kesseln, Prozessöfen oder am Standort betriebene Fahrzeuge. EPA+1
  • Scope 2:
    Indirekte Emissionen aus der Erzeugung von eingekaufter Energie – vor allem Strom, Dampf, Wärme oder Kälte. EPA+1

In der Chemieindustrie dominieren häufig Energieeinsatz und Prozesswärme; entsprechend sind Scope-1- und Scope-2-Emissionen oft die größten Posten des Corporate Carbon Footprints.

Warum Scope 1 & 2 in der Chemieindustrie besonders relevant sind

Die globale Chemieindustrie verursacht rund 5–6 % der weltweiten Treibhausgasemissionen und ist stark von fossilen Rohstoffen und Energie abhängig. Reuters+1

Typische Emissionsquellen:

  • Dampfkessel, Heißöl- und Prozessöfen
  • Dampf- und Strombedarf für Destillation, Kompression, Trocknung
  • Prozessbedingte Emissionen (z. B. Spaltreaktionen, Nebenreaktionen, Fackeln)
  • Fuhrpark und interne Logistik

Wer hier systematisch optimiert, reduziert nicht nur CO₂, sondern häufig auch Energiekosten und regulatorische Risiken.

Typische Hotspots in Chemiebetrieben

  1. Wärme- und Dampfsysteme
    • Überdimensionierte Kessel, fehlende Rückgewinnung, suboptimale Fahrweisen.
  2. Energieintensive Unit Operations
    • Destillationskolonnen, Trockner, Verdichter, Reaktoren mit hohem Heiz- oder Kühlaufwand.
  3. Leckagen, Stillstandszeiten, Teillastbetrieb
  4. Eingekaufter Strom und Dampf
    • CO₂-Intensität des lokalen Strommixes, vertragliche Gestaltung von Energiebezügen.

Strategien zur Reduktion von Scope-1-Emissionen

1. Prozess- und Energieoptimierung
Digitale Zwillinge, bessere Mess- und Regeltechnik sowie Prozesssimulation können Energieverbräuche und Emissionen signifikant senken, indem sie ineffiziente Fahrweisen identifizieren und optimieren. ResearchGate+1

2. Brennstoffwechsel und Effizienzsteigerung

  • Umstieg von Öl auf Gas, perspektivisch auf biogene oder synthetische Energieträger
  • Effizientere Kessel, Brenner-Optimierung, Wärmerückgewinnung

3. Prozessinnovationen

  • Elektrifizierung bestimmter Prozessschritte (z. B. elektrische Steamcracker) Reuters
  • Neue Reaktionswege mit geringeren prozessbedingten Emissionen

Strategien zur Reduktion von Scope-2-Emissionen

1. Strommix verbessern

  • Bezug von zertifiziertem Ökostrom
  • Langfristige Power Purchase Agreements (PPAs) mit erneuerbaren Projekten

2. Eigene erneuerbare Erzeugung

  • Photovoltaik auf Werksdächern und Freiflächen
  • Nutzung von Abwärme in Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen

3. Lastmanagement & Flexibilität

  • Verschiebung energieintensiver Prozesse in Zeiten mit hohem Anteil erneuerbarer Energien
  • Einsatz von Speichern und Flexibilitätsoptionen zur Lastglättung

Von der Analyse zur Roadmap

Ein nachhaltiger Ansatz verbindet Scope-1- und Scope-2-Analysen mit wirtschaftlichen Kennzahlen:

  • Baseline & Hotspots: Datenerhebung, CO₂- und Energiebilanzen je Anlage und Produkt.
  • Maßnahmenportfolio: Kombination aus Quick Wins (z. B. Fahrweise optimieren) und strukturellen Projekten (z. B. neue Kessel, elektrifizierte Anlagen).
  • Business Case & Priorisierung: CAPEX, OPEX, CO₂-Kosten, regulatorische Anforderungen.
  • Integration in KPI-Dashboards: z. B. t CO₂e/t Produkt, kWh/t, Anteil erneuerbarer Energien, um Fortschritte transparent zu machen. plant values | Nachhaltigkeitsberatung+1

Fazit

Wer seine Scope-1- und Scope-2-Emissionen systematisch analysiert, schafft die Basis für eine glaubwürdige Klimastrategie – und oft auch für deutliche Effizienzgewinne. Für die Chemieindustrie sind diese Bereiche nicht nur „Pflicht“, sondern der zentrale Hebel, um Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit zusammenzubringen.

Dr. Mehran Taherkhani